19 – Schalbet

1. Im Davoser Spendbuch stammen längst nicht alle Eintragungen aus dem Jahre 1562 und damit von der Hand des damaligen Landschreibers Hans Ardüser sen. Vielmehr reichen die Nachträge bis 1613. In einem solchen Nachtrag schreibt der Herausgeber Fritz Jecklin in seiner Ausgabe von 1925 (S. 62 Z. 30–34) von einem zinspflichtigen Gut, Haus und Hof eines «alt Hans Klein in Sertyg» (Jahreszins: 2 fl). Das Gut stosse hangaufwärts an Fluri Rüeschs Gadenstadt und «an Hansen Knopfs gůt, genampt die Halber», hangabwärts an Kindtschi Knopfs Gut und an weiteres Gut von Fluri Rüesch, taleinwärts an den Wuoscht, talauswärts an die Ägerta und an den Eggenbach. (Der Paragraph hat in meiner Transkription die Nummer §N52 erhalten.)

Die Lage dieses Gutes ist ziemlich klar: Von Teilen davon ist nämlich schon 1562 in §76 und §155 die Rede: In §76 heisst der Besitzer allerdings Hanns Knopf in Serthig, und das verzinsliche Gut, eine Gadenstatt (Zins 6 d), stösst aufwärts an Hans Felix’ Gut und die Allmein, abwärts an Hans Kindschis Gut, einwärts an die Allmein und auswärts an die Eggen (der Schreiber hat danach noch präzisierend «Bach» hinzugefügt). In §155 heisst der Besitzer aber Hanns Knopf genantt clein, und das betreffende Gut, wohl einfach eine Wiese (5 $ Zins), stösst ganz ähnlich aufwärts an Hans Felix’ Gut, abwärts an Hans Felix’ und Hans Kindschis Gut, einwärts an den Wuoscht, auswärts an den Eggenbach. Wuoscht ist ein passender Name für Land, das man zur Allmein schlug, weil es sich wegen seiner Beschaffenheit (damals) nicht lohnte, Wiesland daraus zu machen.

Dass ein Zweig der Familie Knopf Klein hiess, ist auch im Taufbuch gut bezeugt. Zwischen den früheren Paragraphen (§76 und §155) und dem späteren (§N52) ist unser Hans Knopf oder Klein «alt» geworden, d.h. es gab einen oder mehrere jüngere gleichen Namens in Sertig, u.a. seinen Sohn, der 1583-11-24b als ganz junger Taufzeuge Hans Klein Junior heisst. Auch bei Hans’ Nachbarn hatte es Änderungen gegeben: Unterhalb hat Hans Kindschi von Kindschi Knopf übernommen. Und Hans Felix’ Güter ober- und unterhalb sind inzwischen an Fluri Rüesch übergegangen.

Nun ist es bestimmt kein Zufall, dass laut Taufbuch ca. 1598 ein Hans Kindschi eine Maria Rüeschin heiratete, mit der er anschliessend in Sertig mehrere Kinder hatte, und dass sein Vater Hans, verheiratet mit Urschla Nadichin, bei einem Kind (1565-12-20) als Hans Knopf und bei einem anderen (1575-05-22b) als Hans Kindschi (evt. zu verstehen als «Hans, ds Kindji», also junior) eingetragen ist. Dieses Gut ist also von Vater Hans auf Sohn Hans übergegangen, und der Beiname des Vaters – es gab damals in Sertig viele Hans Knopf – ist am Sohn als Nachname hängengeblieben.

Anders bei Hans Felix. Wie dieser mit «richtigem» Familiennamen hiess, bin ich mir noch nicht sicher, zweifellos aber ist er inzwischen gestorben, und Fluri Rüesch hatte seine Tochter geheiratet und das Gut übernommen (Nachkommen dieses Paares gibt es keine). Dass Fluri Rüesch und seine «neue» Nachbarin Maria Kindschi-Rüesch Geschwister waren, ist naheliegend. Die beiden kamen übrigens aus der Spina, von Fluri legen die Angaben im Taufbuch nahe, dass er vorher schon mindestens einmal verheiratet gewesen war. Hans Klein (Knopf), Hans Kindschi (Knopf) und Hans Felix (auch Knopf?) können im übrigen alle ebenfalls recht eng miteinander verwandt gewesen sein, z.B. Cousins, was ihre Grundstücknachbarschaft verständlich machen würde. Leider ist das alte Taufbuch 1559 verbrannt.

Der Zins, den alt Hans Klein zur Zeit des späteren Paragraphen schuldete, zwei Gulden, war bedeutend höher als die früheren fünf Schilling plus sechs Pfennig. Offenbar hatte er einen grossen Kredit aufnehmen (müssen. Er bürgte deshalb nun auch mit dem ganzen Haus und Hof und noch mehr Unterpfändern. Der Grund für die Hypothek liegt nahe: Er musste drei seiner vier Söhne auszahlen, denn nur einer konnte den Hof übernehmen. Geheiratet und Nachwuchs haben gehabt: Marti geb. 1567, Hans geb. ca. 1568, Abraham geb. ca. 1571, Christen geb. 1574. Von Christen wird aus dem Taufbuch klar, dass er in die Spina hinüber einheiratete. Welcher von den anderen den Hof in Sertig übernommen hat, ist mir noch nicht klar.

2. Die angegebenen Flurnamen sind heute nicht mehr in Gebrauch, so dass eine genauere Lokalisierung der genannten Güter als hoffnungslos erscheinen könnte. In Sertig sind laut Laely-Meyer (L-M) heute weder Wuoscht, noch Ägerta, noch Eggenbach bekannt (und das Wuoschthorn G 216 ist weit von der Siedlung weg). Auch Flurnamen kommen und gehen!

Wieder können wir aber durch Kombination der Zeugnisse viel herausholen: Der Eggenbach kommt nämlich im Spendbuch mehrfach vor. In §154 schuldet ein Wilhelm Baumgarter einen Zins (1 lb d 5 $) auf einem Gut in Sertig, das aufwärts an die gassen stösst (also an das Strässchen), abwärts ans alpp wasser (den Sertigerbach), einwärts an Hans Bätschis Gut und auswärts an den Eggenbach. Dieses Gut liegt also etwas unterhalb von Haus und Hof des Hans Klein senior. Dazwischen liegen noch (nebeneinander) die erwähnten Güter von Hans Kindschi und Hans Felix, die wohl unten an die «Gasse» grenzten; auf ihnen lastete aber kein Zins, also sind sie nirgends genau definiert. Ohne Zweifel auf dasselbe Gut liess Wilhelm Baumgartner laut §N44 ein paar Jahre später armen lüten einen weiteren Zins errichten (1 lb d): Hier wird nun genauer gesagt, es liege im dorffie in Sertig und stosse aufwärts an die Gasse, zu einer Seite an Hanns Bätschis Gut, zur anderen Seite an Gulrig gut. Zwar würden wir auswärts den Eggenbach erwarten, aber es war diesem Schreiber (Landschreiber Fluri Sprecher) wichtiger klarzumachen, in wessen Besitz das Gut ennet dem Bach war. Es hatte nämlich Wilhelms Frau gehört, die gerade kinderlos gestorben war (dies war oft ein Grund für eine Stiftung, s. MoH 5, S. 11 Anm. 34). Der folgende, im gleichen Zug von Fluri Sprecher niedergeschriebene Paragraph §N45 macht dies klar: Darin errichten die Erben von Elsa Gulerin, Wilhelm Baumgarters Ehefrau, einen Zins (15 $ 2 d) auf ihrem Gut ouch gelegen in Sertig im Dörffie. Dieses stiess auf an die Gasse, auswärts an die Allmein (also in Richtung Bäbi G 184), abwärts ans Alpwasser und einwärts an Wilhelm Baumgarters Gut. Wieder wird als Grenze nicht der Bach genannt, aber die Sache ist damit völlig unzweifelhaft: Der Eggenbach ist der Bach, der heute nach den weiter oben liegenden Weidegründen Feelabach heisst (G 198). Der Name Eggenbach ist eigentlich sogar naheliegender, denn die Eggä (G 197) grenzen unmittelbar von aussen an ihn (s. die aktuelle Landeskarte). Das Dörfli wird deshalb bis heute mit dem Ausdruck «hinder den Eggä» lokalisiert.

3. Soweit ist alles klar. Doch was machen wir mit dem Flurnamen «Halber», der oberhalb des Gutes von alt Hans Klein oder Knopf gelegen war und einem (weiteren) Hans Knopf gehörte? Jecklins Davoser Gewährsleute vermuten (S. 75 Anm. 175): «Soll wahrscheinlich heissen die Halda.» Laely-Meyer sagt nichts zu dem Namen.

Es ist ganz einfach: Fritz Jecklin hatte sich bei dem Flurnamen «Halber» verlesen (er muss die Abschrift des Spendbuchs in höchster Eile und ohne die Möglichkeit nachträglicher Überprüfung hergestellt haben, s. MoH 4 S. 8 unten). Hier ist der erste Teil des §N52 aus dem Original im Staatsarchiv Graubünden:

Wir müssen an der betreffenden Stelle (in der Abbildung Z. 7–8) lesen: An Hansman Knopfs gůtt genampt die Schalbet.

Lustig ist auch Hansman(n) (von Jecklin ebenfalls verlesen): Dieser Hans Knopf wurde offenbar «Hansemänndli» genannt, so ist ein Taufzeuge 1562-12-18 bezeugt: Hansamëndle. Dass dies bereits unseren Hansman Knopf meint, ist praktisch sicher: Die Familie des Kindes wohnte nämlich in den Lerchen (Lengmatta), also fand der Taufgottesdienst in der Frauenkirche statt, und dorthin gingen auch die (inneren) Sertiger zur Predigt. Und viele Besitzer von Wiesen und Gemächern im inneren Sertig hatten ihren Hauptwohnsitz wohl ohnehin draussen «am Land» bei der Frauenkirche. Das schmucke Kirchlein «hinder den Eggä» bauten sie erst 1699.

Den Schreiber unseres Paragraphen §N52 habe ich schon vor längerem identifiziert: Es handelt sich um Landschreiber Niggo Wildener (s. schon MoH 7, S. 6–8), der sein Amt von 1601 bis 1625 ausübte. Unser Eintrag dürfte aus seinen ersten Amtsjahren stammen, denn anschliessend folgen im Buch Einträge, die auf ca. 1608 und 1609 datiert werden können.

Nun aber zu dem Flurnamen Schalbet, dessen Bedeutung mir erst jetzt klar geworden ist. Deshalb dieser kleine Beitrag. Schalbet gehört, wie man leicht sieht, zum Adjektiv schälb «schräg, schief» (s. Ddt. Wb. S. 144), das auf Davos noch heute geläufig ist. Mit diesem zusammengesetzt ist der Flurname Schälbegg (P 141), auch in Sertig, aber ganz aussen, an Clavadel. Wenn man hingegen genauere Parallelen zu Schalbet sucht, wird man sonst nur in einer ganz eng begrenzten Region fündig, weit weg von Davos. Ich paraphrasiere im folgenden aus dem Artikel Schëlwi/Schëlbi II «Schiefheit» des Schweizerischen Idiotikons (Idiot. VIII 755) die etymologischen Bemerkungen. Dort werden zugehörige Flurnamen und von diesen abgeleitete Familiennamen ausgewiesen:

Mit anderem Suffix -et gebildet (wie Ebnet von eben, Dicket von dick, schriftspr. Dickicht), also sächlich, gehört dazu Im Schelbet (Kippel im Lötschental), in den Schelbetten (Zermatt), dazu als Familiennamen Schelbetter (Zermatt 1476) sowie Anthoni Schalbetter uss Visperzenden uss Walles. Die Vokale a und e konnten offenbar schwanken, was verschieden erklärt werden kann. Das letztgenannte Zeugnis steht in der 1572 verfassten, grandiosen Lebensbeschreibung des langjährigen Rektors der Basler Lateinschule, Thomas Platter d.Ä. (~1499–1582), der aus Grächen stammte und seine Karriere als Ziegenhirtli begonnen hatte. Der Schalbetter, von dem Platter schreibt, war ein kräftiger Hüne in den 1510er Jahren und stammte aus dem Zenden Visp, zu dem ausser Visp selber vor allem das Saaser- und Mattertal gehörten, also aus Platters engerer Heimat. Die Namensform Schalbetter existierr übrigens bis heute, und erwartungsgemäss vor allem im Oberwallis.

Unser «Schalbet» ist somit ein willkommener neuer Beleg für die (vor allem wegen der Lautung freege mit ganz geschlossenem e ) von den Dialektologen längst und überzeugend postulierte Herkunft der Davoser Walser aus dem unteren Deutschwallis. Der «Ausreisser-Beleg» eines Schalbetter aus Filet im Goms, 8 km oberhalb Brig und auf knapp 800 m ü.M. (s. Idiot. ebd.), schwächt das Argument höchstens geringfügig; Personen sind mobiler als Orte.

Und angesichts der Örtlichkeiten, wo diese Walliser in Graubünden und Vorarlberg angesiedelt wurden, dürfen wir ihre Herkunftsregion ohnehin noch einschränken: Sie waren nämlich bestimmt keine Wein-, Obst- und Ackerbauern aus dem Walliser Haupttal, sondern müssen Viehzüchter, Milch- und Käseproduzenten aus den höheren Lagen gewesen sein, und das heisst, dass sie vor allem aus den Seitentälern, eben z.B. aus dem Matter- oder Lötschental, kamen.

Mit den Menschen aber wanderte auch der Flurname die Schalbet (wohl immer noch sächlich, aber im Plural wie in den Schelbetten), von schrägen Bergwiesen im Wallis auf ebensolche oberhalb von Sertig Dörfli.

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